"Do hent Ihr Euren Sauhasa"! So spricht man nicht mit dem König - um die Familiehere zu retten, musste Gottlob Bräuninger nach Amerika auswandern.

„Do hent Ihr Euren Sauhasa“! So spricht man nicht mit dem König – um die Familienehre zu retten, musste der des Wilderns  überführte Gottlob Bräuninger nach Amerika auswandern.

Ein Dutzend Anekdoten vom „Einsiedel“

Zusammengetragen und erzählt von Theodor Ehninger, 1942

Auf dem Einsiedel bei Tübingen war mein Großvater Gottlob Bräuninger Domänepächter in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Auf dem großen, stattlichen Hof, der durch seine Obst- und Schafzucht damals im ganzen Lande bekannt war, wuchsen seine 5 Söhne und 9 Töchter heran. Meine Mut­ter, Bertha Ehninger, geb. Bräuninger, erzählte viel von dieser Jugendhei­mat, die auf einem Ausläufer des Schönbuch im Anblick der herrlichen Alb gelegen, reich an beglückenden Eindrücken war, sodass sie zeitlebens das Heimweh nach dem „Hof“ nie ganz verlor, und es einer ihrer sehnlichsten Wünsche blieb, vor ihrem Tod die vielen Erinnerungen, die sie mit dem Ein­siedel verknüpften, noch einmal an Ort und Stelle zu erneuern, ein Wunsch, der ihr versagt blieb. So wollen wir wenigstens hier einige Bilder vom Einsiedel festhalten.

 1. Wie Onkel August sein Auge verlor

Bei den Familientagen der Bräuninger um die Jahrhundertwende spielte Onkel August als das damalige Familienhaupt eine besondere Rolle. War er doch der Senior der zu jener Zeit schon weit verzweigten Sippe. Er begrüßte dabei jede neue Braut, die zum ersten Mal dabei war, feierlich mit einem Kuss. Und vor diesem Kuss des etwas rauen und lauten Oheims mit dem roten Vollbart und dem einen Auge hatten die Bräutchen immer einen großen Re­spekt. Um ihnen den Schreck zu nehmen und ihre Gesinnung gegen ihn ins weiblich-Teilnehmende umzulenken, erzählte ihnen dann die Tante oder Schweigermutter, wie der Onkel sein Auge verlor.

Das war noch auf dem Einsiedel. Der junge, vollblütige „Massa“, wie die jüngeren Schwestern ihn nannten, da er sie gerne hofmeisterte, tollte an einem Sonntagnachmittag mit den Fohlen auf der Weide herum; denn junge überschüssige Kraft muss sich austoben. Es gelang ihm auch richtig eines einzufangen. Er erhaschte es jedoch nur beim Schwanze. Das wild gewordene Tier aber schlug im gleichen Augenblicke so unglücklich aus, dass es ihn ins linke Auge traf, sodass es auslief. Der Großvater hatte jedoch dies Jagen mit den Pferden schon öfters untersagt. Er strafte deshalb August noch besonders für seinen Ungehorsam; denn Gehorchen galt damals als er­ste und heiligste Pflicht, und es war auch nötig, dass in solch einem großen Betriebe alle Fäden in einer festen Hand zusammenliefen.

Der Onkel musste trotz seiner schweren Verwundung die folgenden Nächte im Pferdestall schlafen. Und auf alles Bitten der Mutter und der Schwestern hatte er nur die Antwort: Er soll seine Pferde haben. Schließlich erbarmte es sogar die Dienstboten, sodass sie, die sonst ehrfürchtige Scheu vor dem ge­strengen Gutsherrn hatten, es wagten, für den Unglücklichen zu bitten. Eine, die schon viele Jahre lang auf dem Hof gedient, bat sogar kniefällig vor dem Großvater für seinen Sohn. Und als er trotz allem hart blieb, sagte sie im Aufstehen: „Herr Bräuninger, mal schlä’t a Kend net mit 2 Rute!“ – Darauf habe er sich dann doch eines anderen besonnen. – So siegte eine schwache Frau in dienendem Stande über den harten Willen eines an Herr­schen gewöhnten Mannes, und schlichte Weisheit des Volkes erwies in diesem Falle, wie schon oft, ihre treffende, unwiderstehliche Gewalt.

 2. Das Vorvesper

Derselbe Onkel war ein tüchtiger Esser und die Großmutter guckte in ihn hi­nein. So gab sie ihm zwischen Frühstück und „Neuner“ – um9 Uhr läutete die Hofglocke zum allgemeinen Vormittagsvesper – heimlich in der Küche so of es sich machen ließ, ein Vorvesper mit den Worten: „Du bist ja doch nicht satt!“ Trotzdem stellte er dann nachher beim „Neuner“ wie jeder andere seinen Mann, als ob nichts vorangegangen wäre. Er schaff­te dann allerdings auch für drei. Dies erzählte mir eine Frau in Pfrondorf, deren Mutter damals auf dem Einsiedel als Magd in der Küche gedient hatte.

 3. So ist leicht Kinder kriege‘!

In Kirchentellinsfurt sagen heute noch die Männer zu ihren Frauen, wenn sie ein Kind erwarten: „Solltest’s halt au han wie d’Frau vom ‚Hof‘!“Die Frau vom Hof aber war in den Jahren zwischen 1850 und 73 unsere Groß­mutter Wilhelmine Bräuninger, geb. Egeler. Von der ging die Sage, daß sie bei jeder Geburt ihrer 14 Kinder von ihrem vermögenden Vater in Rennrogen 1000 Gulden ins Kindbett bekommen. Das machte auf die „nötigen“ Bäuerlein der Gegend einen solchen Eindruck, daß die Redensart von der Frau vom Hof heute nach 2 Menschenaltern noch gang und gäbe ist.

 4. Sogar 21 Kinder?!?

Mutter Bertha schildert im Jahre 1870 in einem Brief an ihren Bräutigam, wie sie auf dem Einsfiedel am Feierabend alle um den großen Tisch in der vorderen Stube versammelt seien, die Großmutter am Spinnrad, die Töchter mit dem Strickstrumpf, der Großvater seinen „Merkur“ lesend. Bild darauf steckte die Ahne das Spinnen auf und verlegte sich nur aufs Stricken; ja, sie strickte beinahe den ganzen Tag. Das konnte sie sich gut leisten, denn die erwachsenen Töchter versahen den Dienst in der Küche, Waschküche und Speisekammer. Und an dienstbaren Geistern fehlte es auch nicht.

Beim Stricken saß die Großmutter auch oft vor dem Haus in der Sonne oder auf der Bank unter dem Nußbaum. Wenn sie nun ein Vorübergehender ansprach, daß sie bei ihrem Alter noch so fleißig stricke, sagte sie allemal: „Hab’s auch nötig! Ich muß 42 Strümpfe stricken, bis jedes von meinen Kindern warme Füße hat.“ Dabei rechnete sie aber die damaligen Schwiegersöhne auch mit. Aus diesem Wort, das sich weiter sprach und in der Umgebung lange hielt, entstand denn die Sage, die Frau vom Hof habe 21 Kinder gehabt.

 5.“I‘ han g’nug von d’r Könige‘!“

Der Einsiedel war eine königliche Domäne, und öfters kamen die Herrschaf­ten selbst vom nahen Jagdschloss Bebenhausen zu einem Besuch herauf. So wa­ren sie auch heute vierspännig vorgefahren: der König, die Königin in Be­gleitung des Ministers Spitzweg, einer Hofdame und zweier Grafen. Vorn auf dem Bock aber saß der Kutscher und neben ihm der Lakai. Die wappen­geschmückte Kutsche hielt &x vor dem Pächterhaus. Und während der Lakai herab springt, den Schlag zu öffnen, stehen auch schon die Eltern auf der Freitreppe, die hohen Gäste zu empfangen, nachdem die Mutter vorher noch den Töchtern zugerufen, rasch ihren besten „Staat“ anzuziehen und dann herun­terzukommen. Die Herrschaften interessieren sich besonders für die Ställe, und als der Plan für den Rundgang besprochen, da „prachtieren“ auch schon die Töchter mit ihren Weihnachtskleidern unter dem Eingang, machen ihren Knix und werden von der Königin freundlich ins Gespräch gezogen. Sie fragt jede nach Namen und besonderer Neigung.

Danach geht es zu den Ställen: Zuerst werden die Pferde besichtigt, dann die Ochsen, die Kühe, dann die Schafe, und Schweine. Zuletzt wird auch noch die neue Dreschmaschine, die erste, die in Württemberg damals im Betrieb war, in Augenschein genommen und ebenso fachmännisch beurteilt wie die Zucht­tiere zuvor. Derweil unterhält sich der Lakai Bauer mit den Mädchen. Da es ein schöner Tag ist, setzen sich die Herrschaften ins Freie vor dem Haus. Vater kredenzt seinen Besten, die Königin wünscht sich ein Glas kuhwarme Milch. Bertha wird von der Mutter ausgeschickt, es zu holen, während die Königin sich in ein Gespräch mit der Mutter und den drei andern Töchtern über Haushaltsdinge einlässt. Schließlich fahren die Fürstlichkeiten mit ihrer Begleitung hoch befriedigt ab. Die Leute vom Hof stehen und winken, und die Jugend ruft noch ein dreifaches „Hoch“ hinterher, worauf die Majestäten gnädig zurückgrüßen. Nach ist Nachtessen. Rosa aber, die jüngste der Schwe­stern, noch ganz erregt von all dem Erlebten, sagt: „I will nix z’Esset, i han g’nug von dr Könige‘!“

 6. Warum Onkel Gottlob auswandern musste

Man sagt, der 2. Name sei meist von besonderer Familienbedeutung. Da ich nun nach dem Großvater und dem Lieblingsbruder der Mutter auch den Namen Gottlob trage, so darf unter diesen Erzählungen, die Geschichte von der Schicksalsstunde meines Namensonkels nicht fehlen. Der Großvater hatte auf dem Einsiedel das Jagdrecht und die heranwachsen­den Söhne übten dieselben für ihn aus, galt es doch, die rings von Wald umgebene Ackerflur vor Wildschaden zu schützen. Bin besonderer „Nimrod“ aber war der genannte Onkel. Einmal war er des Abends an der Grenzmark gegen den Bebenhauser Wald auf Anstand. Er nahm einen eben aus dem Wald austretenden Hasen aufs Korn und traf ihn auch. Aber der Hase lief noch ei­ne Strecke in die Bebenhäuser Hut hinein, ehe er verendete. Der junge Jäger aber holte ihn sich heraus und nahm ihn mit nach Haus. Das war nun freilich gegen das Jagdrecht, denn nach diesem gehörte er dem König, auf dessen Jagd­grund er verendet war. Doch Jugend nimmt so etwas nicht so genau.

Zum Unglück hatte ein königlicher Förster den Schützen beobachtet und meldet den Jagdfrevel. Sr. Majestät. Den Tag darauf kam der König mit seinem Forst­meister und dem Forstwart auf dem Einsiedel angefahren. Großvater empfing ihn. Der König sagte, es sei ihm peinlich, aber er müsse sich heute über die Überschreitung des Jagdrechts durch einen seiner Söhne beschweren. Sofort mussten die Söhne antreten und wurden vom Vater verhört. Keiner woll­te etwas von der Sache wissen, auch Gottlob beteuerte seine Umschuld, ob­gleich der Forstwart ihn ganz persönlich bezichtigte. Die Söhne wurden aufs Neue verhört. Ohne Ergebnis. Das war dem Ehrenmann eine furchtbare Verlegen­heit. Er ließ sie wegtreten, entschuldigte sich beim König und versprach, die Angelegenheit in Bälde zu klären. Der König verabschiedete sich förm­lich und nicht so gnädig wie bei den früheren freundschaftlichen Besuchen. Denn die Württemberger Fürsten sind alle leidenschaftliche Jäger und tragen nicht umsonst die drei Hirschzinken in ihrem Wappen. Und so war der König auch an dieser Stelle besonders empfindlich. Da, im letzten Augenblick, als die Herrschaftskutsche bereits im Anfahren war, sprang Gottlob mit dem strittigen Tier aus der Scheuer heraus und warf es in die Kutsche hinein mit den Worten: „Do hent Ihr Euren Sauhase!“

­Die Sache aber hatte noch ein ehr ernstes Nachspiel. Ohne ein Wort zu sagen, fuhr der Vater andern Tags nach Reutlingen und legte am Abend dem Sohn die Papiere zur Überfahrt nach Amerika auf den Tisch. Und so sehr Mutter und Schwestern auch mit Tränen für ihn baten: der Vater blieb hart. Ja, man erzählt, er habe nicht einmal Abschied genommen von dem „ungeratenen Sohn“; so sehr fühlte er sich durch ihn in seiner Familienehre gekränkt. — Wohl heilte die Zeit auch diese Wunde. Es wurde dem jungen Farmer später eine Frau hinübergeschickt, und sein Geschlecht blüht heute noch drüben. Aber heimkehren durfte er nie und hat weder Eltern noch Geschwister wiederge­sehen. Seiner Lieblingsschwerster Bertha aber schickte er, als sie frühe Witwe wurde, alljährlich zweimal Briefe und Dollargrüße von drüben. Ja, er wurde sogar der Pate ihres nachgeborenen Töchterleins, so dass das Band der verwandtschaftlichten Liebe und Treue dennoch bis zu seinem Ende nicht abriß. Doch blieb ihm lebenslang ein stetes Heimweh nach dem geliebten Vater- ­und Mutterlande, als er sich durch seinen jugendlichen Streich auf immer verscherzt.

 7. Die gewichtige Braut

Einmal muss Bertha Einsiedlerkas zum Versand fertig machen. Das Wägen auf der Brückenwaage besorgt Bruder August. Als dies erledigt war, hieß es: Wie, stand au emol nuf. I mei‘ als, du habest dei‘ Schwere. Und, o Schreck! Beim Zusammenzählen der Gewichte kommen 160 Pfund heraus. -„A stattliche Braut!“ meint der Bruder. Diese berichtet das Erlebnis dem Bräutigam im nächsten Brief und setzt hinzu: „Denk nur, grad soviel wie Du letztes Jahr!“ Der aber fragt, ob sie denn die Gewichtssteine auch nachgeprüft; er glaube fast, der „Massa“ habe da etliches draufgeschlagen. Doch scheint die Sache ihre Richtigkeit gehabt zu haben, den aus dieser Zeit erhaltenen Bildern nach.

Auch schreibt sie bald darauf: Wirklich lesen wir jeden Tag ein paar Stun­den Obst auf. Weißt, das ist dem „dicken Bank“ gesund! (Bank oder Bänkle war ihr Neck- und Kosename). Und er darauf: So ist‘s recht. Obstauflesen ist gesund. Hoffentlich dauerts noch recht lang, dann kann ich in meiner Herbstvakanz auch noch mittun!“

Denn auch er neigte zur Körperfülle und trank deshalb damals, solange er in Mergentheim Präzäperatsverweser war, jeden Morgen am Kurbrunnen dort seine drei Viertelliter Mergentheimer Wasser. Wir aber meinen: Ein Glück, dass sie so kräftig anfingen; sind beide bald genug unter der Last von Sorge und Krankheit zusammengeschmolzen! Die stattlichen Bäume der Einsiedlerbirnen, um die es sich bei dem er­wähnten Obstauflesen hauptsächlich handelte, bilden heute noch den Haupt­bestand der prächtigen 4 Alleen, die auf den Hof zulaufen. Einer der ur­alten stattlichen Torbäume dieser Allee erlangte besonders Berühmtheit. Er war inwendig hohl, und in ihm pflegte damals der Kirchentellinsfurter Postbote seine Briefschaften für den Einsiedel niederzulegen. Hier wurden sie dann vom Hof as abgeholt.

Der Gedanke, dass die etwa 250 Briefe des Bräutigams Gotthilf, die er während seiner eineinhalbjährigen Verlobungs­zeit auf den Einsiedel sandte, und die uns heute noch alle erhalten sind, diese Baumweihe erhielten, hat etwas besonders Schönes. Über das Alter der Veteranen dieser Allee erhalten wir ein Bild aus der Geschichte des schwä­bischen Obstbaues. Da erfahren wir, daß Herzog Karl Eugen um 1750 gleich­zeitig mit den Landesbauschulen auf der Solitude, die Schillers Vater be­treute, auch diejenigen zu Hohenheim und auf dem Einsiedel anlegen ließ. Zur Zeit der Hauptobsternte gab es ein starkes Jahrhundert später auf dem Einsiedel soviel zu tun, dass die Buben der benachbarten Dörfer schon frühmorgens auf dem Hof zum Auflesen antreten mussten. Als Onkel Christian, der spätere Verwalter des Schloßgutes Stetten i.B. etwa 14 Jahre alt war, führte er diese „Holzbirelesgarde10 an.

 8. Die Einsiedler Hämmel

Man erzählt noch in der Gegend, daß, als Inspektor Bräuninger vom Ein­siedel abgezogen sei, er das Geld in Truhen weggeführt habe. Solche Überlieferungen, obwohl meist übertrieben, tragen doch einen Wahrheitskern in sich. Und man fragt sich: War die Pacht so günstig? Oder die Bewirt­schaftung so tüchtig, daß derartige, sprichwörtlich gewordene Überschüsse sich ansammeln konnten? Beides wohl. Wenigstens vom Zweig der Schafzucht ist bekannt, dass er sich hervorragend lohnte. Man konnte eben hier, was sich als vorteilhaft erwies, leicht ins Große betreiben, im Gegensatz zu der sonst an allen Ecken u. Enden eingeschränkten kleinbäuerlichen schwäbi­schen Bewirtschaftung; z.B. hatte der Einsiedel mit seinen 1000 Schafen an­nähernd soviel Tiere und fast dieselbe Wolleerzeugung wie ganz Markgröningen der Vorort der schwäbischen Schafzucht. Da spielten ;;chafv~i~tiscl•ie und Schaf­schur auf dem Hof natürlich eine große Rolle, und der Verlauf der Wolle, den Onkel August persönlich auf dem landberühmten Kirchheimer Wollmarkt tätigte, brachte alljährlich eine schöne Summe.

Am einträglichsten aber war die Hammelzucht. Der geschäftstüchtige Großvater nützte die Liebhaberei der Franzosen, die bekanntlich das Hammel­fleisch besonders schätzen, ganz ohne Zwischenhandel aus. Waren die Hämmel fett, so schickte er sie unter Begleitung des Oberschäfers unmittelbar nach Paris. Der sei dann allemal mit einer gespickten Geldkatze heimgekehrt, in der lauter „Goldvögel“ drin gewesen. Das gab nun freilich ein Stück!

Andererseits ist die Freigebigkeit der Leute vom Hof aus jener Zeit heute noch in lebendiger Erinnerung. So erzählt man in den Nachbarorten, wie es damals bei der Ernte auf dem Hof zuging. Es wurden da an schönen Tagen bis zu hundert Erntewagen eingeführt. Dabei waren viele Tagelöhner aus der Umgebung beschäftigt. Immer war der Herr selbst zur Stelle oder einer seiner Söhne. Der Most, an dem es bei dem Einsiedler Obstreichtum nie mangelte, wurde dabei von der Hausmutter oder den erwachsenen Töchtern aus großen Bottichen an die Schnitter und Hilfsarbeiter ausgeteilt, eben­ so das Vesper. Danach wurden auch die Ahrenleser, die sich in großer Zahl eingefunden, herbeigerufen, und sie bekamen dasselbe Vesper und denselben Trunk; eine patriarchalische und echt menschlich-schöne Sitte, die seither wohl nicht mehr geübt wurde, sonst hätte sie sich nicht so tief in das Ge­dächtnis der Einwohner geprägt.

Auch sonst wurden die Leute, die auf dem Hof arbeiteten, reichlich be­schenkt; deren Familien rechneten zu der großen Gutsfamilie mit. Gab es ein Kindbett oder traten Krankheit und Unglücksfälle bei ihnen ein, so be­suchte die Hausmutter oder eine der Töchter die Betroffenen und bedachte sie reichlich mit dem Nötigen. Manche meinen, dass daher auch der besondere Segen auf dem Haus beruht.

 9. Der Weißdorn, der Rittersaal und die „Brüder vom gemeinsamen Leben“

Der König und die Königin besuchten, wenn sie auf den Einsiedel kamen, immer auch den Weißdorn und den Rittersaal. Die Geschichte vom Weißdorn hat uns ja. Uhland in seinem Gedicht aufbewahrt. Als Graf Eberhard im Bart von seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land zurückkehrte, brachte er der Sage nach einen Weißdornzweig mit, den er auf dem Einsiedel, seinem Lieblingsaufent­halt in die Erde pflanzte. Das Reislein wuchs und ward zum Baum, unter dem der alternde Graf oftmals gesessen, sich erinnernd an die alte Zeit und an das ferne Land. Nahe bei dem Rittersaal ist heute noch ein Weißdorn zu sehen.

Doch ist dies¢ ein Ableger von dem, den der berühmte Gründer der Tübinger Hochschule einst hier pflanzte. Der Rittersaal stammt wohl aus eben jener Zeit und diente vermutlich dem Grafen bei seinem Altersaufenthalt als Wohnsitz. Der fromme Graf verbrachte die letzten Jahre seines Lebens meist auf dem Einsiedel. Hier, wo er den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ eine Heimat geschaffen, fühlte er sich in deren Kreis am wohlsten. Diese „Brüder“ waren eine halbklösterliche Gemeinschaft, der er selbst angehörte. Ihr Haupt­grundsatz war der gemeinsamer Arbeit und gegenseitigen Dienens ohne Unter­schied des Standes und christlicher Erbauung.An derselben Stelle also, wo zur Zeit der Großeltern die „Brüder“ der Umgegend allmonatlich zu gemeinsamer Erbauung als ernste Gottsucher zusammen­kamen, hatten schon 400 Jahre vorher „Brüder“ unter der Führung eines schwä­bischen Edlen um Verwirklichung echten, dienenden Christentums gerungen.

 10. „Frau Doktor“

Unser Vater Gotthilf Ehninger war schon in jüngeren Jahren ein leidenschaft­licher Homöopath und lässt sich als Bräutigam über jede Krankheit bei Mensch und Vieh von seiner „Einsiedlerin“ berichten. Und immer weiß er ein wirksa­mes Mittel anzugeben. So kommt es, dass er bald in den Ruf eines besonders geschickten Heilpraktikers gerät. Ja, als einmal ein Pferd an Kolik zugrunde geht, meint eine der Schwägerinnen: „Hätte man das Mittel von Gotthilf gege­ben, so hätte man es noch retten können!“ Nicht so ganz felsenfest überzeugt von seinen Kuren war dagegen die Braut. Als sie wieder einmal „Maulkörbles“ machte wegen Kopf- und Ohrenschmerzen, unter denen sie damals häufig litt, und er ihr Belladonna als ein Mittel, das den Kopf ausputzte, verschrieb, neckte sie: „Hätte schon nötig, mir von Dir den Kopf ausputzen zu lassen, jedoch wird Belladonna allein das nicht zustande bringen! Hab viermal davon eingenommen, bis Schwindel u. Kopfweh vergingen, und jetzt weiß I erst net, ob es an der Besserung schuld ist!“

Und ein andermal, als der Schwager Frie­drich an einer „Wurstvergiftung“, wie der Bräutigam nach den Krankheitser­scheinungen feststellt, übel fian ist, und sich diese Diagnose als richtig er­weist, da noch mehrere Mitzöglinge seiner Reutlinger Pension unter ähnlichen Wirkungen zur selben Zeit erkrankt waren, schreibt sie: „Bist doch ein ge­schickter Herr Doktor! Hätt‘ es nicht geglaubt! Allen Respekt vor Dir! Kein Wunder gibt mir der kranke Bruder den Titel „Frau Doktor!“ Weiß~, Dir zu Ehren!“ Rührend ist, wie das halbwüchsige, genesende Schwägerlein zu der ihn pflegenden Schwester sagt: „Mi mag Dei‘ Gotthilf, glaub i, am ärgste!“ – Er scheint also etwas von der hilfsbereiten Güte, die gern allen Leidenden ge­holfen hätte, aus seines Schwagers Gotthilfs Art damals schon herausgespärt zu haben.

 11. Milchprofessor

„Kam da heute, wie es öfters an Sonn- und Feiertagen geschieht, ein Herr auf den Hof und bat um ein Glas Milch. Nachdem es ihm auf der Bank vor dem Haus kredenzt war, gesellte sich Vater Bräuninger zu ihm, u, beide waren bald in bester Unterhaltung. Dabei stellte sich heraus, dass der Gast ein Stuttgarter Professor war. Der Vater erzählte ihm von seinen Söhnen und Schwiegersöhnen, auch von Berthas Bräutigam, der am Neidleschen Töchterinstitut zu Stuttgart angestellt sei, u. in den nächsten Wochen seine Reallehrerprüfung dort mache. Da lachte der Milchprofessor und meinte: „So kommt Ihr Herr Schwiegersohn ja auch mir unter die Finger! Ich bin bei seiner Prüfungs­kommission!“ Da rief Vater mich herbei, schreibt die Braut, und erzählte mirs. Du kannst Dir wohl denken, wie wir ihn nun aufs freundlichste bewirteten. Weißt, Dir zulieb!“ –

Es war aber, wie der Bräutigam später berichtete, der bärtige Gymnasial­schönschreibmeister, bei dem dieser, der ja ebenfalls ein besonderer Schreib­künstler war, auch ohne die vorausgegangene liebenswürdige Bewirtung und das freundliche „Wohlbekomms!“ der Einsiedlerbraut, ohne Zweifel eine gute Note herausgeschlagen hätte. Doch „Doppelt genäht hält gut!‘}

 12. Das hochzeitliche Kleid

Diese Geschichte hat sich zwar nicht auf dem Einsiedel abgespielt, aber sie ist in dem späteren Verhältnis der Schwestern zueinander ein Spiegel der dort gepflanzten Gesinnung, so daß auch sie wohl als Ausklang der Einsiedlererinne­rungen gelten mag. Von ihren Schwestern blieb Mutter später am engsten verbunden der wie sie selbst früh verwitweten Julie Fischer aus Waiblingen und der ihr im Alter am nächsten stehenden Emilie Blumhardt aus Bad Boll.

Bezeichnenderweise waren diese beiden kinderreichsten Mütter jener Bräu­ninger-Generation zu ihren elf und zwölf‘ Kindern hin auch noch die Patinnen von den Kindern ihrer Schwester Bertha. Und zwar gute, die immer sehr viel schenkten, besonders Spiele, für die unsere Mutter selbst nicht viel übrig hatte. Wieviel freudige Stunden erlebten wir mit dem „Poch“ allein. Alles Gute kommt von Boll! sagt Schwester Elisabeth in ihrem Aufgeschriebenen aus der Kindheit. Wie nun die Älteste der Blumhardtschen Töchter den Taubstum­men Dodo Brodersen heiratete, wurde unsere Mutter auch zum Fest geladen, hatte aber kein „hoheitlich Kleid“. Da kam von Boll ein schwarzer Seiden­stoff und ein Geldvögele dazu. Dieser Boller Hochzeitsstaat begleitet dann die Mutter vollends durchs ganze Leben. Als bald darauf die Tochter unseres Pflegers Oberlehrer Schnabel Aalen heiratete, trug ise es wieder und dazu in schon ergrautem Haar „Na“ zu Ehren als einzigen Schmuck eine Kastanienblüte. So hatte die Schwester in ihrer Kindersprache den um uns treu besorgten Pfle­ger genannt. Wie dann später die Söhne Theodor und Gotthilf ihren Ehebund schlossen, wurde dazu das Boller Staatskleid umgearbeitet. Hier, an des Pfarrer-Bruders Festtag, trug sie es zum letzten Mal im Leben. Doch als sie bald darauf zur Ruhe gebettet wurde, deckte sie auch zur letzten Fahrt und Feier dies Gewand. So ist das „hochzeitliche Kleid“ ein Sinnbild ihrer Art und Le­benshaltung geworden.

Sie, die Hochgestimmte, die jeden Lebenswendepunkt der Ihren mit feier­lichen Worten, jeden bedeutungsvollen Eingang u. Ausgang mit segnendem Spruch zu begleiten pflegte, schlummert nach einem stark getragenen schweren Lebens­los eingehüllt in feierlich schwarze Seide. Und sie, die Demütige, Anspruchs­lose, Verzichtende, die für sich jeden persönlichen Aufwand mied, feiert ihre letzten Lebenshöhen in geschenktem Kleide. Die arme Edle! Und wenn sie nun in diesem Kleide zu dem geliebten Lebensgefährten ins gleiche Grab gebettet wurde, so trägt es den feierlich-schönen Namen, den sie ihm selbst gegeben, bis zum Ende zu recht „das hochzeitliche Kleid“.